| Hahnemann |
| Die enge Verbindung der Homöopathie mit
Sachsen beginnt eigentlich schon ihrer Entstehung. Der Begründer der Homöopathie, Christian Friedrich Samuel Hahnemann, wurde am 10. April 1755 in Meißen geboren. Sein Vater, Christian Gottfried Hahnemann, war an der berühmten Porzellanmanufaktur als Porzellanmaler beschäftigt. Meißen war dem jungen Hahnemann Heimat bis zum Jahre 1775, dann begann er sein Studium der Medizin an der Leipziger Hochschule. Wenn auch Hahnemann in den folgenden Jahren viel in Europa umherreiste, so gedachte er stets dankbar seiner Familie und seinen Lehrern in der Meißener Zeit. Der Pflege des Hahnemannschen Andenkens hat sich heute in Meißen speziell das "Meißner Hahnemann Zentrum e.V." verschrieben. Dort ist auch eine sehr lesenswerte Schrift zu den frühen Jahren Hahnemanns erschienen (Landmann, H. und Sauer, V.: Hahnemann in Meißen). |
| Mit Dresden selbst verband Hahnemann nur eine kurze Episode. Von 1784 bis 1788 wohnte er in der Stadt, machte sich dort Hoffnungen auf die Stelle des Stadtphysikus, die er zu seiner großen Enttäuschung jedoch nicht erhielt. |
| Dieser Zeit schloss sich ein ruheloses Wanderleben an, dass ihn in Sachsen und Deutschland umherführte. Von Lockwitz (heute Stadtteil Dresdens) zog es ihn nach Leipzig, 1792 dann nach Gotha, später u.a. nach Göttingen, Pyrmont, Braunschweig, Königslutter, Hamburg, Mölln. 1801 kehrte er zurück nach Sachsen; Machern, Eilenburg, Dessau waren Stationen seiner Wanderung, bis er 1805, mit 50 Jahren, in Torgau sesshaft wurde und einige Jahre lang als Arzt tätig war. |
| Inzwischen hatte er seine neue Lehre, die Homöopathie, entwickelt (erste Veröffentlichung 1796). In Torgau reifte sie weiter, hier erarbeitete Hahnemann sein wichtigstes Werk - das "Organon der rationellen Heilkunde", zuerst 1810 erschienen. |
| 1811 zog es Hahnemann dann nach Leipzig, um dort Homöopathie zu unterrichten. Dort blieb er zehn Jahre lang, bis zum Umzug nach Köthen 1821, der vor allem dem anhaltenden Streit mit den Leipziger Apothekern geschuldet war, die ein Verbot des von ihm geforderten Selbstdispensierens der homöopathischen Arzneimittel durch den Arzt erwirkt hatten. |
| In Leipzig sammelte sich um Hahnemann ein Kreis von Schülern, mit denen Hahnemann eine Vielzahl von Arzneimittelprüfungen durchführte, u.a. Ernst Stapf, Gustaf Wilhelm Groß, Franz Hartmann. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind dokumentiert in den fünf Bänden der "Reinen Arzneimittellehre", erschienen in den Jahren 1811 bis 1821. |
| Die Köthener Zeit ist geprägt durch weitere
Entwicklung seiner Lehre, speziell durch das Erscheinen
der "Chronischen Krankheiten" (1828-1830) und
weiterer Auflagen seines Organons (1824, 1829, 1833 - die
fünfte und letzte zu Hahnemanns Lebzeiten erschiene
Auflage). Der Aufenthalt in Köthen währte bis zum Jahre 1835, als Hahnemann mit 80 Jahren die 35- jährige Pariserin Melanie heiratete und mit ihr nach Paris zog. Dort arbeitete und forschte er weiter, bis er am 2. Juli 1843 verstarb. |
| Die Schüler |
| Die Verbreitung der Homöopathie nahm von Leipzig, dem damaligen Wohn- und Lehrort Hahnemanns ihren Ausgang. Die Studenten suchten vorzugsweise eine Universität in Nähe ihres Wohnortes, und so fanden sich Homöopathen zuerst vor allem in der Umgebung Leipzigs. |
| Unter den Schülern Hahnemanns, die sein Werk fortsetzten, sind besonders - im Hinblick auf ihre Verbindung mit Sachsen bzw. Dresden - zu nennen: |
| Johann Ernst Stapf (1788 - 1860), Arzt in Naumburg, gab die erste homöopathische Zeitschrift heraus, das "Archiv für die homöopathische Heilkunst". Prüfte an sich selbst 32 Arzneimittel. |
| Georg Wilhelm Gross (1794 - 1847), Arzt in Jüterbog, leitete mit Stapf zusammen das Archiv und u.a. mit Hartmann später die "Allgemeine Homöopathische Zeitung". |
| Franz Hartmann (1796 - 1853), Arzt in Zschopau und Leipzig. Autor mehrerer Bücher. |
| Carl G. Caspari (1798 - 1828), schuf u.a. 1826 eine neue Gattung homöopathischer Literatur: "Homöopathischer Haus- und Reisearzt". |
| Karl Friedrich Trinks (1800 - 1868), Arzt in Dresden, Mitherausgeber des "Handbuchs der hom. Arzneimittellehre", mehr der naturwissenschaftlich-kritischen Richtung der Homöopathie verpflichtet. |
| Constantin Hering (1800 - 1880), wurde in Oschatz geboren und ließ sich nach einigen Reisen als Arzt in Philadelphia nieder. Trug wesentlich zur Verbreitung und zur Blütezeit der Homöopathie in den USA bei. Siehe Lebensbeschreibung und Auszüge aus dem "Homöopathischen Hausarzt". |
| Organisationen |
| Anlässlich Hahnemanns fünfzigjährigem
Doktorjubiläum wurde 1829 in Köthen der "Verein
zur Beförderung und Ausbildung der homöopathischen
Heilkunst" gegründet, die erste
Interessenvereinigung homöopathischer Ärzte, der 1832
in Leipzig den Namen "Homöopathischer
Zentralverein" annahm. In Dresden kam es gleichfalls
1832 zur Gründung des "Dresdener Ortsvereins".
Für das Jahr 1845 werden für Dresden wie Leipzig je 11
homöopathische Ärzte gezählt. Der Zentralverein war im Streit um die Hahnemannsche Lehre oft heftigen Zerreißproben ausgesetzt, als "Deutscher Zentralverein Homöopathischer Ärzte" besteht er bis heute. Die "Allgemeine Homöopathische Zeitung", 1832 gegründet, diente dem Zentralverein als internes Diskussionsforum, auch sie besteht bis heute. |
| Die zunehmende Popularität der Homöopathie
spiegelte sich in einer wachsenden Zahl homöopathischer
Laienvereine wieder. Sachsen war neben Württemberg
Zentrum dieser Laienbewegung in Deutschland. Der erste
Verein in Sachsen entstand 1854 in Annaberg, 1875 gab es
bereits 10 Ortsvereine, 1913 dann 103. Es kam 1873 zur
Bildung eines sächsischen Landesverbandes, der auch eine
eigene Zeitschrift herausgab. Als Zielsetzung formulierte
der Verein: "... die zahlreichen verborgenen Freunde
dieser Heilart einheitlich zu sammeln, um den vielfachen
Verleumdungen und Anfeindungen gegenüber als eine
geschlossene Macht dazustehen und eben durch die Zahl
seiner Mitglieder öffentlich zu constatieren, daß die
Homöopathie im Land ihrer Wiege festen Boden gefaßt
hat." Die Laienvereine dienten einerseits der medizinischen Selbsthilfe, der Versorgung mit Medikamenten und der Aufklärung der Mitglieder über medizinische Fragen, andererseits waren das öffentliche Eintreten für die Homöopathie und deren staatliche Anerkennung, die Förderung homöopathischer Krankenhäuser und die Errichtung homöopathischer Lehrstühle erklärte Ziele. |
| Nach 1933 hofften die meisten Verbände, durch ein
klares Bekenntnis zur nationalsozialistischen Bewegung
die ersehnte staatliche Anerkennung zu erhalten. Der
Preis dafür war die Instrumentalisierung der Verbände
unter Leitung der NSDAP, so mussten mindestens 51% der
Vorstandsmitglieder Mitglieder der NSDAP sein,
Vortragsabende mussten von den örtlichen Parteistellen
genehmigt werden usw. Die Nationalsozialisten machten
Homöopathie wie auch andere alternative Heilverfahren zu
einem Bestandteil ihrer Gesundheitspolitik. In Folge dessen und in Folge des beginnenden Krieges nahmen die örtlichen Aktivitäten der Verbände immer mehr ab, ein Teil löste sich auf oder stellte seine Arbeit ein. In der Nachkriegszeit kam es vereinzelt zu Versuchen, die Vereinsarbeit zu beleben, aber zumeist waren jetzt die Fragen des Lebenserhaltes wichtiger. |
| Entwicklung bis heute |
| In der Zeit nach 1945 kam es zu keiner Wiederbelebung der Homöopathie in Sachsen. Es mag die Rolle der homöopathischen Vereine in der Zeit des Nationalsozialismus dazu beigetragen haben wie auch die jetzt betont materialistische Ausrichtung in allen Wissenschaften und die starke Orientierung am Leitbild Sowjetunion; die Homöopathie wurde geduldet, aber nicht gefördert. Praktizierende Homöopathen waren einige alte Heilpraktiker und Ärzte in immer geringer werdender Zahl, da es keine Neuausbildung und -zulassung gab. In einigen wenigen Apotheken war eine beschränkte Anzahl homöopathischer Mittel erhältlich. |
| Der politische Neubeginn 1989/90 bedeutete auch einen Neubeginn für die Homöopathie in Sachsen. Weltweit befindet sich die Homöopathie, wie auch andere alternative Heilverfahren, seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, in einem Aufwärtstrend. Nun war es auch hier möglich, an dieser Entwicklung teilzunehmen. Homöopathisch arbeitende Ärzte und Heilpraktiker sind Träger der Verbreitung der Homöopathie, und nach Anfangs zögernder Aufnahme durch die Öffentlichkeit beginnen immer mehr Menschen, sich für homöopathische Behandlung und die damit verbundenen Möglichkeiten zu interessieren. |
| Dieser Prozeß ist begleitet von wirtschaftlich bedingten Macht- und Verteilungskämpfen im gesamten Gesundheitssystem. Die Homöopathie kann im Vergleich zur Schulmedizin eine nicht nur sanfte, sondern auch extrem wirtschaftliche Therapie sein. Inwieweit es jedoch gelingen kann, die lang geforderte staatliche Anerkennung der Homöopathie zu erreichen, bleibt abzuwarten. |
| Quellen: Homöopathie 1796-1996. Eine Heilkunde und ihre
Geschichte. Katalog zur Ausstellung im Deutschen
Hygiene-Museum vom 17. Mai - 20. Oktober 1996.
Herausgegeben von Sigrid Heinze für des Deutsche
Hygiene-Museum, Dresden. Tischner, Rudolf: Geschichte der Homöopathie. Wien, New York, Springer, 1998. |